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Donnerstag, 16. November 2017

78 Völlig bescheuert!

Geht euch das auch so?
Immer, wenn ich in der Nähe eines Behinderten bin, werde ich nervös.
Jetzt gleich auch wieder. "Oh Gott, oh Gott, darf man das überhaupt sagen, 'Behinderter'? Ist das jetzt beleidigend? Wie sagt man denn korrekt? 'Mensch mit Beeinträchtigung'? Ist das besser? Und darf ich überhaupt nervös werden? Bin ich jetzt ein schlechter Mensch??

Ich ertappe mich einfach immer wieder dabei, wie ich, sobald jemand im Rollstuhl, mit Blindenstock oder von mir aus mit Tourette neben mir ist, komplett verkrampfe und denke: "Oh nein! Vielleicht denkt der jetzt, ich gucke doof! Oder wenn ich nicht gucke, denkt er, ich schaue extra weg! WAS. MACH. ICH. JETZT?? Augen zu??"
Wobei mich der Blinde natürlich gar nicht sieht, ich weiss, aber ich bin mir sicher, dass er SPÜRT, wenn ich ihm aus dem Weg gehe oder nervös werde.

Oh, mann.
Völlig bescheuert, ich weiss.

Aber grad vor ein paar Tagen ist es mir wieder passiert. Ich sitze im Zug und ein junger Mann mit Down Syndrom (darf man das eigentlich auch nicht sagen??) setzt sich mir vis-à-vis. Und da fängt es gleich wieder an in meinem Kopf: "Hilfe. Hiiiilllfffeeeee!! Hoffentlich redet der nicht mit mir! Was sag ich bloss, wenn er etwas sagt?" Und dann so voll demonstrativ in die Zeitung starren und dazu die Kopfhörer in den Ohren. "Ich bin nicht da! Versuch es gar nicht erst! Ich bin überhaupt NICHT DA!"
Der junge Mann spricht dann aber gar nicht mit mir, sondern mit seiner Mutter am Handy. Das ist auf Lautsprecher gestellt.
"Mama, dä Zug hät e Störig. Er fahrt nöd ab." (WAS? Hätte ICH ja nicht mal gemerkt, denn ich war ja mit meiner Zeitung und dem Ipod beschäftigt. Jetzt werde ich noch nervöser...)
Die Mama, sehr laut: "Gang uf Gleis 17! Jetzt! SOFORT!"
Ihr Sohn: "Es hät e Störig. Es staht uf dä Tafle." (Scheisse, tatsächlich!)
"Ja, du muesch uf Gleis 17. Deet fahrt dä Zug! Ich ha nahgluegt uf GOOGLE!" (Google hat auch Fahrpläne? Wow!)
Der junge Mann zögert. "Ich weiss nöd, was es isch, aber es staht uf dä Tafle, e Störig."
"Nöd studiere jetzt, JETZT STIEGSCH UUS UND GAHSCH UF GLEIS 17, SOFORT!!!!"
Mir tun die Ohren weh. Dieses Gekeife dringt durch Mark und Bein!

Aber soll ich jetzt auch das Gleis wechseln? Und den jungen Mann gleich mitnehmen?
Irgendwie kann ich mich nicht bewegen
Da fährt der Zug plötzlich an, der Mann ist mit seinem Telefon aber bereits zur Treppe gegangen (wir sitzen oben) und wird so von seiner Mutter vollgeschrien, dass er das gar nicht merkt. 
Soll ich ihn darauf aufmerksam machen? Oder ist das blöd? Unhöflich?

Eine Frau im Abteil vor mir tut jetzt das, was ich mir nur vorgestellt habe. Sie steht auf, bittet den Mann höflich um sein Telefon und spricht mit der genervten Mama.
"Grüezi! S isch alles guet, dä Zug fahrt jetzt!"
"WAS!!! Dä Zug fahrt und er isch nöd drin???!!!"
"Momoll, er isch drin, alles guet!"
"Ja, GOPF NONEMAL, ich han em's doch gseit, er...!
"Er isch im Zug, keis Problem!"
"Aso, er isch DRIN??"
"Jaja!"
"Er isch DRIN und dä Zug fahrt??!!
"Genau."
"Aaaaaaaah, guet!"
Der junge Mann mit Down Syndrom (oder sagt man jetzt Trisomie 21 oder was??) hat sich mittlerweile wieder zu mir gesetzt und schaut lächelnd zum Fenster hinaus. Ich weiss nicht, ob er so fröhlich ist, weil der Zug jetzt doch nicht kaputt ist, oder weil seine Mutter mal jemand anderem auf den Sack gehen konnte als ihm. Allerdings ist seine gute Laune ansteckend.
Mit mir spricht er auf der ganzen Fahrt kein Wort. 
Und ich weiss immer noch nicht, wie ich ihn politisch korrekt beschreiben könnte.

Aber eines weiss ich: Seine Mutter ist eine dumme Scheese.

Dienstag, 31. Oktober 2017

77 Die Geschichte mit dem P.....

Letztens ist mir eine uralte Geschichte aus meinem Leben wieder eingefallen:

Es ist wohl so 17 Jahre her (scheisse, bin ich alt!). Ich war noch Studentin (scheisse, bin ich ALT!!), und quetschte mich eines abends, es regnete in Strömen, in ein total überfülltes Züri-Tram in Richtung HB (ich wohnte damals noch in der Agglo - SCHEISSE, BIN ICH ALT!!!).
Es war so eng, dass ich nicht mal bei einer Vollbremsung hingeknallt wäre. Sardinenbüchse par excellence.
Plötzlich merkte ich irgendwas an meinem Gesäss. Da presste etwas dagegen. Oder bildete ich mir das nur ein? Zuerst war noch meine Umhängetasche dazwischen (eine blauweissrote aus Leder mit dem gallischen Hahn drauf, ich erinnere mich noch genau - alle Frankreich-Fans hatten immer ihre helle  Freude an mir,  mir aber gefielen einfach die Farben so gut). Aber als die sich langsam zur Seite schob, spürte ich es ganz genau: Etwas rieb sich an meinem Hintern, oder besser gesagt: Jemand. Noch besser gesagt: Ein gewisses Körperteil von jemandem.

Weil ich mich kaum bewegen konnte in dieser Masse von Pendlern, gelang es mir auch nicht wirklich, mich umzudrehen. Ich verrenkte mir fast den Hals, um hinter meinen Rücken zu schauen, und aus dem Augenwinkel konnte ich schliesslich einen Typen im Trenchcoat ausmachen. Er hatte einen Schirm dabei, das weiss ich noch, sein Gesicht allerdings ist in meinen Erinnerungen längst verblasst. Wohl aus gutem Grund, denn sich so jemanden zu merken, lohnt sich echt nicht, sagte sich mein Hirn offenbar.




Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Das ist doch nur sein Schirm, redete ich mir ein.
Ok, nein, den hat er ja unter dem Arm, der reicht nicht bis zum meinem Arsch hinunter.

Aber es ist ja so eng im Tram, es ist ja wohl auch völlig unmöglich, mich NICHT zu berühren.
Das wohl nicht, aber dass jetzt ausgerechnet sein PIMMEL an meinem Arsch parkiert werden musste, hätte sich doch eigentlich verhindern lassen, oder nicht? Und wieso bewegt der sich hin und her, wenn wir hier doch alle so komplett eingequetscht sind? Das können jetzt nicht die verbogenen Schienen im stadtzürcher Tramnetz sein, dass es so ruckelt, oder? Wäre mir jedenfalls noch nie aufgefallen vorher...

Ok, der Fall war klar, es liess sich nicht schönreden: Da nützte gerade einer den Stossverkehr (hihi, passendes Wort!) aus und geilte sich an mir auf.

Was tun? 
Losschreien und den Typen mit allen Schimpfwörtern eindecken, die mir gerade so einfielen, so dass das gesamte Tram zu uns rüberstarren würde?
Nach hinten ausschlagen, so gut das in dieser dichten Masse ging und hoffentlich IHN am Schienbein treffen und nicht die ältere Damen neben ihm?

Nun, ich war jung und noch etwas schüchterner als heute. Ich wollte für keinen öffentlichen Aufstand sorgen. Das wäre mir peinlich gewesen. Ausserdem schwirrte immer noch der Gedanke in meinem Kopf herum, ich könnte mich ja doch irren. Und wenn das auch nicht so war: Der Typ könnte genau das behaupten, er habe ja schliesslich nichts dafür, müsse er so dicht an mir stehen, und das sei seine HAND und nicht sein Geschlechtsteil. Und dann stünde ich als komplett durchgeknallt da.

Also, hielt ich schön brav die Schnauze.

Am HB hielt das Tram und alle stiegen aus. Ich dachte: "Jetzt!" und sah mich nach dem Perversling um. JETZT könnte ich ihm endlich meine Meinung sagen, ohne, dass wir gleich 200 Zeugen hätten. Aber natürlich waren der Typ und sein Schirm so schnell weg, wie ich gar nicht kucken konnte. Ich schaute über meine Schulter hinter auf das Stück Mantel über meinem Hintern. 
Da waren weisse Flecken drauf...

Ende der Geschichte. 

Hätte es damals schon Social Media gegeben, hätte ich sie mit #MeToo posten können. Ok, ich könnte das auch heute noch machen, ist ja gerade in, Männer an den Pranger zu stellen, die Frauen falsch angefasst, falsch angequatscht, falsch behandelt haben.

Aber wisst ihr was? 
Ich habe keine Lust dazu. 
Und ich halte es auch nicht für nötig.

Als Frau macht man so ähnliche Erfahrungen wie ich damals im Tram wohl öfters im Leben. Das heisst jetzt nicht, dass ich das Ganze als harmlos abtue und damit sagen will: "Girls, live with it!"
Nein, natürlich ist das scheisse, wenn einem jemand seinen Pimmel an den Arsch drückt, ohne dass man ihn zuvor darum gebeten hätte! Und NEIN, das geht wirklich nicht!!
Aber das ist etwas, dass ich solchen Männern gerne persönlich sage - also, normalerweise, beim Tram-Arschloch habe ich es halt vergeigt. Ich muss mich nicht im Internet über sie auslassen und wutentbrannt klar machen, dass ich eben AUCH so ein armes Opfer lüsterner Doofköpfe bin.

Denn ich BIN kein Opfer! Und ich will auch keines sein!

Ich kann mich wehren, und hätte das damals auch im Tram gekonnt.
Ich hätte ihm eine runterhauen, ihn zusammenschreien oder ihn anzeigen können, wenn es mir danach besser gegangen wäre. 
Aber nur, weil jetzt gerade bestimmte Hashtags trendy sind und es plötzlich allen Frauen dieser Welt einfällt, dass sie ja auch irgendwann mal unsittlich betatscht wurden und dass das eigentlich gar nicht geht, muss ich mich nicht öffentlich und für alle ersichtlich im Netz darüber auslassen und am besten auch gleich alle Menschen mit einem Y-Chromosom unter Generalverdacht stellen (wow, das ist glaub's der längste Satz in diesem Blog ever!). 
Der Typ im Tram war kein Produzent, der systematisch seine Macht-Position ausnützte. Ich finde, das ist dann schon eine andere Dimension, und wenn es niemand schafft, einem solchen Schmierfinken das Handwerk zu legen, dann kann man auch öffentlich vor ihm warnen.
Aber der mit dem Regenschirm war einfach nur ein sehr trauriger Zeitgenosse, der offenbar ausserhalb eines vollgestopften Trams keine Frau abkriegt. 
Ehrlich gesagt, bin ich nicht mal wütend auf ihn. 
Er tut mir leid.

Frauen, wehrt euch! Aber sofort, wenn sowas passiert, und nicht 17 Jahre später online! 

Samstag, 7. Oktober 2017

76 Glücklicher, magerer, allergiefreier Käse

2017, ich lade ein zum vorweihnachtlichen Raclette-Spass, wie jedes Jahr:

Gast 1: "Waaaassss, du kommst erst jetzt damit? Sowas musst du im Frühsommer verschicken, vor Weihnachten bin ich immer total ausgebucht!!"

Gast 2: "Ouuuu, Raclette...! Weisst du, seit ich schwanger bin, vertrag ich nichts Schweres..."
Ein paar Kartöffelchen?
"Aber nur schon der Geruch von Raclette dreht mir den Magen um...!"
Cornichons. Die geilen, mit Knoblauch.
"Ich komme!"


Gast 3: Moment, den kann ich ja gar nicht einladen, der ist ja Veganer. Oder gibt es veganen Raclette-Käse? Mal googlen... 
Bei Coop und Migros nicht. 
Ah, kann man selber machen. 
...
Was bitte ist Hefeschmelz? Cashew-Crème?
...
Viiieeel zu kompliziert! Wird dann mal zum Gemüse-Couscous eingeladen.

Gast 4: "Ich ess dann aber keine Kartoffeln, ich muss abnehmen."
Aha, und Käse macht nicht dick?
"Neee, der hat doch keine Kohlenhydrate!"

Gast 5: "Kannst du bitte auch laktosefreien Käse kaufen? Du weisst, ich bin allergisch."
Klar.
"Und Brot anstatt Kartoffeln? Ich esse Raclette lieber mit Brot."
Klar.
"Aber glutenfreies Brot, bitte, sonst bin ich wieder tagelang aufgebläht!"
KLAR! 

Gast 6: "Aber gell, ich trink dann einfach wieder keinen Alkohol, weil, ich mach immer diesen alkfreien Monat vor Weihnachten, ich hab sooo viel getrunken in letzter Zeit, und jetzt geht's dann wieder los mit all den Festtags-Apéros und Familienschläuchen, und da gibt's wieder soooo viel Alkohol überall, ich trink dann einfach Wasser, gell, oder Tee oder so."
Trinkt wieder sechs Glühwein wie letztes Jahr, bin ich sicher.

Gast 7: "Ui, Raclette...! Ich schlaf doch immer so schlecht mit so viel Fett im Bauch! Wieso kannst du nicht mal was anderes machen?"
Wird nicht mehr eingeladen.

Gast 8: "Aber, gell, du kaufst das Raclette dann schon im Chääslädeli und nicht im Coop, weil, der ist nämlich viiiieeeel feiner, und es hat so ganz tolle, spezielle Sorten wie Curry-Banane und Salbei-Mandel-Kreuzkümmel und über dem Tannenholz geräuchert und so, also, das sollte dir das Geld ja schon wert sein, lieber was qualitativ Besseres als diese Massenware vom Coop, und das Geld im Chääslädeli geht fall auch direkt an die Bauern, das ist viiiieeeel fairer, von den Grossverteilern erhalten die ja fast gar nix, ich sag's dir, das ist so eine Schweinerei, und wenn du im Chääslädeli kaufst, dann kannst du auch gleich sicher sein, dass der Käse vom Hof in der Region stammt, wo die Kühe noch glücklich sind und frei auf der Weide herumrennen können und so."
Ah ja? Hast du sie gesehen?
"Nein, aber wenigstens ist es BIO!"

Von dem her: En Guete und fröhliche Weihnachten schon mal!